Zeche Westerholt in Herten-Westerholt

1907 - 2008

Zeche Fürst Leopold in Dorsten

1911 - 2002


Die Zeche Westerholt lag auf der Stadtgrenze von Gelsenkirchen und der 1975 nach Herten eingemeindeten Stadt Westerholt. Der größere Teil der Betriebsfläche liegt auf Hertener Gebiet. Nach Westen schloß sich die Kokerei Hassel an. Sie galt als die "Apotheke", da hier kleinere Kokschargen für spezielle Zwecke z.B. für Gießereien hergestellt wurden. Sie ersetzte die veraltete Zechenkokerei. Zum Gesamtkomplex gehörte auch ein Kraftwerk, das inzwischen auch abgerissen ist. Es hatte seit 1981 mit 300 m einen der höchsten Schornsteine Europas. Damals wurde statt Rauchgasreinigung auf einen möglichst weiten Export des Drecks gesetzt. Bei südlichen Winden erreichten die Schadstoffe Skandinavien. Spektakulär war die Schornsteinsprengung der unübersehbaren Landmarke. Sie wurde live vom WDR am 3.12.2006 übertragen.
Nach dem 2. Weltkrieg wurde die im Nordfeld die Anlage Wulfen übernommen, die ursprünglich selbständig werden sollte. Der Krieg und die danach einsetzenden Rationalisierungsmaßnahmen machten diesen Plan unrentabel. Später kam noch der Luftschacht in Altendorf dazu. Gegründet wurde die Zeche vom preußischen Staat für eine eigene Kohlenversorgung. Später war sie Teil der Hibernia Berwerks AG. Wie bei vielen Zechen nördlich der Emscherzone wurde sie nach der nächstgelegenen Siedlung benannt.
Ab 1960 kam der Verbund mit der Gelsenkirchener Zeche Bergmannsglück. 1998 folgte der Anschluß der Dorstener Zeche Fürst Leopold. Der Gesamtverbund lief als Bergwerk Lippe bis zur Stillegung 2008, die zwei Jahre früher als geplant erfolgte.


Beim Abteufen der ersten Schächte gab es einige Bauernhöfe in der Umgebung und das Dorf Westerholt, das im Kern auch heute noch besteht wie seit dem Mittelalter. Mit dem dazu gehörenden Schloß stehen 58 Fachwerkhäuser unter Denkmalschutz. Für das nördliche Ruhrgebiet ist dieses Ensemble einzigartig. Einen ganz anderen Charakter haben die angrenzenden Stadtteile. Mit den Zechensiedlungen entwickelte sich Westerholt zu einer Kleinstadt, die völlig von der Zeche abhängig war. Wie überall im nordlichen Ruhrgebiet prägen die Zechenkolonien die Siedlungsstruktur.
Am Standort 1/2/3 bestand bis 1953 eine Kokerei, die durch die weiter westlich in Gelsenkirchen-Hassel gelegene ersetzt wurde. Die frei gewordene Fläche konnte für Verbesserungen des Übertagebetriebs genutzt werden. Ab 1986 wurde der Schacht 1 umgebaut und erhielt 2001 eine neue Turmförderanlage. Jetzt konnten große Ausrüstungsteile leichter und schneller nach unter Tage gebracht werden. Trotz dieser Investitionen wurde die Zeche noch früher als geplant stillgelegt. Die vorhandenen Kohlenvorräte hätten wohl einen Betrieb bis etwa 2020 ermöglicht.
Die drei Fördertürme standen noch bis 2011, da das Gelände für eine neue Nutzung überplant wurde. Welche Gebäude genau erhalten werden ist offen. Inzwischen (2013)ist das Strebengerüst von Schacht 2 abgerissen. Das Kokereigelände in Gelsenkirchen-Hassel wird überwiegend zu einem Stadtteilpark entwickelt, nachdem es bis auf einige Gebäude an der Zufahrt komplett abgeräumt ist. Im südlichen Teil sollen Wohnungen entstehn, am östlichen Rand eine Gewerbefläche.
Das ehemalige Kraftwerksgelände ist unter dem Motto "Wohnen am Bach" inzwischen mit 150 Einfamilienhäusern fertiggestellt. Ein überbauter Bachlauf wurde als Kern eines Grünzugs wiederhergestellt.

Am Schacht Polsum sollte ursprünglich eine eigene Schachtanlage entstehen. Verzögerungen durch den 2. Weltkrieg stoppten die Planung, die mit der um 1958 einsetzenden Kohlekrise unrentabel wurde. Es entstand nur eine Seilfahrtanlage mit einem zusätzlichen Luftschacht. Daher waren hier nur eine Wachkaue und einige Sozialgebäude, die inzwischen alle abgerissen wurden. Das Fördergerüst von Polsum 1 wurde 2010 nach Haiger umgesetzt und dient dort nahe der A45 als Blickfang der SIEMAG TECBERG, einem weltweit agierenden Anbieter von Bergwerksförder- und kühlanlagen. In der Schachthalle entstand unter fast realistischen Bedingungen ein Schulungs- und Trainingszentrum.
Der ab 1979 erstellte Schacht Polsum 2 war nur Wetterschacht mit einer Befahrungsmöglichkeit. Mit dem Lüfter lag er unauffällig in einem Waldstück nahe dem Schacht 1.

Zuletzt konzentrierte sich der Abbau im Bereich von Altendorf-Ulfkotte, wozu der Wetterschacht Altendorf nötig wurde, da die Betriebe hier über 1000 m tief lagen. Dies erforderte zusätzliche Frischwetter. Er war ähnlich wie Schacht Polsum 2 konstruiert und bestand im Prinzip nur aus der nach über Tage verlängerten Schachtröhre ohne ein Gerüst.

Die Schachtanlage Bermannsglück prägte mit den dazu gehörenden Zechensiedlungen im Stil der Gartenstadt einen großen Teil des Stadtteils Buer-Hassel. Der Name geht auf eine 1872 in Essen gegründete Bohrgesellschaft zurück. Er sollte wohl motivierend für die Beteiligten sein. Schon ab 1874 wurden Mutungsbohrungen erfolgreich niedergebracht und 1880 die Berechtsamen zu Bergmannsglück konsolidiert. Aber erst 1903 begann der preußische Staat, der das Feld erworben hatte, mit den Abteufarbeiten. Ab 1907 lief die regelmäßige Förderung, die im Schnitt bei 700000 - 1 Mio. t/a lag mit dem Maximum 1.419496 t 1912. Als sich die Vorräte erschöpfen folgte der Verbund mit der Zeche Westerholt, wo fortan die Kohle gehoben wurde. 1975 endete der Abbau und 1984 wurden nicht mehr benötigte Bebäude und schon 1982 die Fördergerüste abgerissen. Auf der Fläche wurden ein Materiallager und die zentrale Prüfstelle der Berbau AG Lippe eingerichtet.
Als neuer Nutzer der Gesamtfläche errichtete die HVG Grünflächen­management GmbH hier ihren zentralen Standort. Sie wurde 1989 für die Bewirtschaftung der land- und forstwirtschaftlichen Liegenschaften der RAG gegründet und ist inzwischen auf weiteren Geschäftsfeldern tätig. Das "Zentrum der Immobiliendienstleister" unfaßt Betriebe, die u.a. im Bereich Grünflächenpflege, Heizkostenerfassung und Breitbandkommunikation tätig sind, in Neudeutsch gerne als "Faciltymanagement" aufgehübscht.
Die Schächte sind nicht frei zugänglich und eingezäunt auf dem Betriebsgelände. Das Fördermaschinenhaus III von 1911 mit der Zwillingsdampfmaschine und die angrenzende Prüfhalle bleiben auch ohne Denkmalschutz als Ensemble erhalten. Die Halle wird Bermannsglücker Vereinen zur Verfügung gestellt. Der von den Vereinen gewünschte Erhalt des Bauensembles am ehemaligen Zechentor ist weiter umstritten.

Die Zeche Fürst Leopold war eine der nördlichen Randzechen. Ihr Grubenfeld reichte weit über die Lippe hinaus und damit schon unter dem Münsterland. Benannt ist sie nach Prinz Leopold von Bayern, einem deutschen Generalfeldmarschall. Ab 1910 wurden die beiden Schächte im Gefrierverfahren abgeteuft. Um sie herum entstand nördlich der Lippe der neue Stadtteil Hervest der alten Hansestadt Dorsten, deren Kern auch heute noch die mittelalterliche Struktur bewahrt hat. Die Zechensiedlungen haben Gartenstadtcharakter. Gleiches gilt für die westlich gelegene Zeche Baldur. Hier wurde 1900 von der Bohrgesellschaft Trier mit dem Abteufen begonnen, aber schon im nächsten Jahr abgebrochen, als bei 23 m und 11 m Teufe Schwimmsand einbrach. Ab 1905 wurden die Schächte im Gefrierverfahren weiter geteuft und die Zeche nach dem germanischen Gott Baldur umbenannt. Nach zweimaligem Absaufen konnte 1911 die Förderung aufgenommen werden. Hier entstand mit den Zechensiedlungen der Stadtteil Holsterhausen. Wegen der Ruhrbesetzung kam der Betrieb nicht richtig in Fahrt und 1931 wurde er mit Fürst Leopold vereinigt. Die jährliche Förderung lag bei 300000 - 470000 t. Maximal aren es 1927 536762 t. Die geförderten Kohlen wurden hauptsächlich an Reedereien verkauft, die zu dieser Zeit die Dampfkessel ihrer Schiffe noch mit Kohle heizten. Später wurde Schweröl eingesetzt, womit dieser Absatzmarkt wegfiel. Auch die jetzt Leopold-Baldur genannte Zeche hatte keine zur Verkokung geeignete Kohle. Daher gab es keine Kokerei. Der Absatz ging an Kraftwerke und Eisenbahnen. Mit dem langsamen Aussterben der Dampfloks brach auch dieser Markt ein. Mit dem 1953 in Betrieb genommenen Kraftwerk ergab sich eine langfristige Planungssicherheit. Mit der anstehenden Gas- und Gasflammkohle wurde zusätzlich eine Anlage zur Gaserzeugung gebaut, das mit Erdgas versetzt in das Stadtgasnetz eingespeist wurde.
Die fast nur im Kraftwerksbereich absetzbare Kohle bildete trotz der riesigen Vorräte, die theoretisch für mehrere 100 Jahre bei einer Förderung von 2 Mio. t/a reichen keine langfristige Perspektive. So kam 1998 der Verbund zum Bergwerk Lippe. Schon ab 2001 endete der Abbau und die Schächte wurden verfüllt. Nur noch die Verwaltung des Bergwerks Lippe bestand weiter bis zur Stilllegung 2008.
Das Zechengelände wird weiter für Nachnutzungen aufbereitet. das Fördergerüst von Schacht 1 bleibt als Denkmal erhalten. Am Schacht 2 besteht ein Haspel zur Befahrung. Er soll weiter für die Wasserhaltung benutzt werden. Auf dem Gelände von Baldur steht noch die Kohlenwäsche, die zum Lagerhaus umgebaut wurde.

1955 gingen im Bereich Essen die Kohlenvorräte zur Neige. Daher entschloss sich die Mathias Stinnes AG zum Bau einer neuen Schachtanlage. Diese entstand in Wulfen und wurde auch so benannt. 1938 hatte die Gesellschaft in diesem Bereich Reservefelder erworben, die kriegsbedingt ertst jetzt erschlossen werden sollten. Erst 1964 wurden erste Kohlen gefördert. Da Mitte der 1960er Jahre eine weitere Kohlekrise einsetzte fand der Ausbau zu einer kompletten Zeche nicht mehr statt. 1981 ging ein 7,5 km langer Querschlag zur Zeche Fürst Leopold in Betrieb, auf der die Förderung geboben wurde. Bis dahin waren jährlich 320000 - 370000 t gefördert worden, maximal 413110 t 1974. Nach dem Verbund zum Bergwerk Lippe endete der Kohleabbau im Feld Wulfen im Jahr 2000 mit der Verfüllung beider Schächte.
Nördlich der Schächte wurde ein neuer Stadtteil gebaut. Wulfen-Barkenberg war eine Planung, die völlig realitätsfrend war. Es wurde für 8000 Bergleute und insgesamt 60000 Einwohner geplant. Offenbar wollten sich einige Mandatsträger und Funktionäre aus dem damaligen SPD - IG Bergbau Filz ein Denkmal setzen. Das ging voll in die Hose. Lediglich der für die Zeit ungewöhnliche ökölogische Ansatz hat das totale Desaster verhindert. Die Bebauung sollte sich dem ländlichen Umfeld unterordnen. Von den hochgelobten experimentellen Gebäuden, z.B. aufeinander getürmte würfelartige Wohnzellen ("Metastadt") wurde das Meiste auch wegen Baumängeln abgerissen. Die vermeintlich sauberen Nachtspeicherheizungen erweisen sich spätestens heute als Energieschleudern mit Asbestprpblem. Seit 2007 ist ein Rückbau im Gange, der besonders die Hochhäuser betrifft. Sie standen überwiegend leer und wurden ganz abgerissen oder auf 3 - 4 Etagen zurückgebaut. Auch die überdimensionierte Haupterschließungsstraße ist inzwischen zurückgebaut. Daneben laufen Maßnahmen zur Wohnumfeldverbesserung. Wegen klammer Finanzen ist es fraglich, ob das Gesamtkonzept umgesetzt werden kann, besonders nach dem Verkauf des ehemaligen Eigentümer LEG an einen Finanzinvestor, der sich eher an Renditeerwartungen als als an sozialen Gesichtspunkten orientiert.

Übersicht Schachtdaten

Schacht Teufbeginn Inbetriebnahme Stilllegung max. Teufe (m) Kokerei
Westerholt 1 1907 1908 2008 1232 1912 - 1953
Westerholt 2 1908 1910 1999 906 Hassel 1953- 1999
Westerholt 3 1956 1960 2008 1232  
Bergmannsglück 1 1903 1905 1982 908  
Bergmannsglück 2 1904 1906 1982 908  
Polsum 1 1943 1948 2008 874  
Polsum 2 1979 1982 2008 725  
Altendorf 1967 1970 2008 1217  
Fürst Leopold 1 1910 1912 2002 1034  
Fürst Leopold 2 1911 1912 2002 1034  
Baldur 1 1900/1905 1911 2008 1351  
Baldur 2 1900/1905 1911 1954/1973 762  
Wulfen 1 1958 1964 2000 1076  
Wulfen 2 1959 1964 2000 1061  


maximale Förderung Westerholt 2.501714 1982

durchschnittlich t/a 2,2 -2,4 Mio. t/a

maximale Förderung Fürst Leopold 2.400350t 1997

durchschnittlich 1,4 - 2,3 Mio t/a

maximale Förderung Bergwerk Lippe 3.615000 t 1998

durchschnittlich 1,7 -2,6 Mio. t/a


Mit dem Ende des Steinkohlebergbaus hat sich das Umfeld der Zeche Westerholt stark verändert, da dominierende Anlagen wie das Kraftwerk mit dem hohen Schornstein und die ebenfalls das Umfeld stark beeinträchtigende Kokerei Hassel komplett verschwunden sind. In Dorsten sind die Veränderungen weniger stark, da bis auf das abgerissenen Fördergerüst von Schacht 1 keine auffällige Landmarke vorhanden war.



Westerholt Schacht 1 (2012)

Westerholt Schacht 1 (1978)

Westerholt 1/2 (1978)

Westerholt 1/2/3 (2012)

Westerholt Schacht 2 (2005)

Westerholt 3 (2012)

Bergmannsglück Restgebäude

Bergmannsglück Restgebäude

Schacht Polsum 1 (2005)

Zufahrt Schacht Polsum 2 (2005)

Schacht Altendorf (2005)

Schacht Altendorf (2005)

Fürst Leopold Schacht 1 (2004)

Fürst Leopold Schacht 2 (2004)

Fürst Leopold Schacht 2 (2004)

Baldur Kohlenwäsche (2005)

Schacht Baldur 2 Sanierung 2005

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