Zeche Pluto in Herne-Wanne

1857 - 1976


Übersicht Pluto


Die Zeche ist nach dem römischen Gott der Unterwelt benannt. Die erste Anlage (Thies) lag verkehrsgünstig an der 1847 fertig gestellten Köln-Mindener Eisenbahn, der ersten durch das Ruhrgebiet. Aus dem Kohleübergabebahnhof entwickelte sich der heutige Bahnhof Wanne-Eickel, einer der größten im Ruhrgebiet. Auch die zweite Anlage war nach der Fertigstellung der Bahnstrecke nach Unser Fritz und des Rhein-Herne-Kanals verkehrstechnisch bestens angeschlossen.
Da für die ab 1854 erfolgten Mutungen Namen von Heiligen benutzt wurden war anfangs der Name St. Nicolaus für die Zeche gebräuchlich. Der christliche Heilige "unterlag" 1859 dem alten Gott als die Anlage umbenannt wurde.
In der ersten Jahrzehnten kam es häufig zu Problemen mit Wassereinbrüchen und Schlagwetterexplosionen. Mit diesen Problemen hatten fast alle frühen Zechen, die unter der Mergelüberdeckung Kohle abbauten. Die heftigste Explosion forderte 1882 65 Tote. 1888 stand die 5. Sohle nach einem Wasserhaltungsdefekt monatelang unter Wasser.
1893 wurde für eine Solequelle unter Tage die Berechtsame erteilt und Wanne-Eickel wurde zu einem Kurort mit Thermalbad und Kurhotel. Die Sole der Wilhelmsquelle war eine der stärksten in Deutschland. Das Thermalbad besteht weiter; aus dem Kurbetrieb ist das Rheumazentrum Ruhrgebiet entstanden.
Nach 1931 kam nach der Stilllegung von Rheinelbe & Alma das Baufeld Alma zu Pluto. Die Schächte 1, 3 und 5 wurden unter Tage in den Betrieb Pluto-Wilhelm eingegliedert und die restlichen Kohlen dort gefördert. Schon 1967 sollte Pluto stillgelegt werden. Durch die heftigen Proteste und der bevorstehenden Gründung der Ruhrkohle AG kam es zu einem Aufschub. Als Aussenanlage der Zeche Consolidation bestand sie noch bis 1993.
Mit den Stahlwerksanlagen in Gelsenkirchen-Hüllen bestand eine enge Beziehung. Der Betreiber, die Aktiengesellschaft Schalker Gruben- und Hüttenverein hatte eine sehr gute Erzbasis mit eigenen Gruben im Siegerland. Eine gute Kokskohlenzeche fehlte. 1899 fusionierten beide Gesellschaften. Zu dieser Zeit erzielte die Hütte unglaubliche Renditen (1897/98 30%, 1898/99 42,5% und 1900/01 75%). Vor dem ersten Weltkrieg entstand hier eine der größten Gießereien auf dem europäischen Festland.
Bis 1875 wurde auch das "Blackband" abgebaut, eine mit Kohleneisenstein angereicherte Flözpartie, die besonders im südlichen Ruhrgebiet stärker ausgeprägt war und deren Abbau eine zeitlang profitabel war.
Die Zeche ist eine der wenigen, die in der deutschen Literatur auftauchen. Im Roman "Hundejahre" von Günther Grass erhält Hitlers ehemaliger Wolfshund seinen neuen Namen Pluto, als er in Begleitung einer Gruppe Vertriebener an der Zeche vorbei kommt.


Pluto Thies
Der Schacht 1 im Stadtteil Röhlinghausen erhielt den Namen Thies nach dem Gründer der Zeche Johann Heinrich Wilhelm Thies. Schon früh entstanden Zechensiedlungen in Richtung der zweiten Anlage (Wilhelm), die sich bis an den Innenstadtbereich ausdehnten. Sie gaben den Impuls zur schnellen städtischen Entwicklung. Wanne-Eickel hatte bis zur Zusammenlegung mit Herne 1975 die höchste Bevölkerungsdichte aller deutschen Großstädte, knapp 5100 pro km². Neben den Zechen boten die Bahn und der Hafen viele Arbeitsplätze. Nach dem Ende des Bergbaus hat die Innenstadt stark an Attraktivität verloren. Diese Entwicklung trifft besonders die Städte der Emscherzone. Hier begann der Strukturwandel spät und die früher wichtigen Bahnanschlüsse haben heute kaum noch Bedeutung. Auch sind die frei gwordenen Bergbauflächen oft zu klein für ein großzügige Überplanung.
Die Anlage wurde mit dem Schacht 4 zur üblichen Doppelschachtanlage ausgebaut. Der schon früher abgeteufte Wetterschacht wurde später als Schacht 6 geführt. Notwendig wurde er weil das Grubenfeld stark gestört war und viel Methan auftrat. Die Folge waren Schlagwetterexplosionen: 1869 und 1877 - jeweils drei Tote, 1882 - 1882.
Am Schacht 1 wurden 1883 die ersten Koksöfen im Ruhrrevier in Betrieb genommen, bei denen auch Teer erzeugt wurde. Hierbei handelte es sich um eine Entwicklung des französischen Ingenieurs Friedrich Laumonier. Er gruppierte i.d.R. 24 Ofenkammer radial um ein mittig stehene Esse. Diese Konstruktion konnte sich nicht durchsetzen, da der Koks mit Harken aus den Öfen gezogen werden musste. Dies konnte bei den linear gebauten Kokereibatterien mit Ausdrückvorrichtungen viel einfacher bewerkstelligt werden. Im Ruhrgebiet wurde nur noch auf der Zeche Tremonia eine weitere Kokerei dieser Bauart betrieben. 1883 wurden sie durch Otto-Hoffmann-Öfen ersetzt, die zum ersten Mal im Ruhrgebiert Teer produzierten.
Heute sind die meisten verbliebenen Gebäude vom THW und dem TV Wanne 1885 genutzt. Der Sportplatz liegt auf dem ehemaligen Kokereigelände. Über dem Schacht 1 steht eine Protegohaube, der Schacht 4 ist nicht markiert und nicht frei zugänglich auf einem Lagerplatz. Schacht 6 liegt mit seiner Protegohaube etwas versteckt hinter Wohnhäusern. Hier standen ein kleines Befahrungsgerüst und ein Ventilatorgebäude, beide nicht höher als die umliegenden Wohnhäuser. Die ehemalige kleine Halde ist so stark begrünt, dass sie kaum auffällt (Höhe 37 m) und fast unbekannt ist. Hier wurde auch Trümmerschutt aufgehaldet.

Pluto Wilhelm

Pluto Wilhelm
Die Hauptanlage im Stadtteil Bickern entstand ab 1873 mit dem Abteufen von Schacht 2, der nach dem Kaiser Wilhelm I. benannt wurde. Aufgrund der Flächenreserven wurde der Standort ab 1927 zur Hauptförderanlage. Neben der Kokerei wurde ab 1903 eine Teerdestillation betrieben. Bis 1910 folgten Schmiermittel- und Lackproduktion. Bis 1977 bestand die Chemische Betriebe Pluto GmbH. Der Nachfolgebetrieb Innospec stellt Zusätze für Kraftstoffe her. 1953 wurde der Schacht 3 nach Entwürfen den Architekten Schupp umgebaut. Das 53 m hohe Doppelbockgerüst ähnelt dem von Zollverein 12. Es ist mit den Fördermaschinenhäusern erhalten. Der Schacht 2 ist nur an einer Markierungstafel erkennbar. Vom Schacht 7, der bis 1954 Hauptförderschacht war sind keine Spuren erhalten, die angrenzende Fläche liegt brach.
In den Gebäuden am Zecheneingang und der Waschkaue sind noch zentrale Einrichtungen der DSK untergebracht (Grubenwehr, Arbeitsmedizinischen Zentrum, Zentralarchiv und der technische Sonderdienst). Westlich davon liegt die Ruhranalytik, ein Labor zur Kohleforschung. Daneben befindet sich so weit wie möglich vom Stadtteil isoliert seit 2011 die neue forensische Klinik für psychisch kranke Straftäter, die durch eine fünfeinhalb Meter hohe Mauer gesichert ist. Im Vorfeld sorgte sie für massive Proteste in der Bevölkerung.
Die Verwertung der Kokereinebenprodukte war für die Zechen eine der lukrativsten Bereiche - bis das Erdöl auf den Markt drängte. Der erzeugte Koks konnte zwar weiter an die Stahlindustrie abgesetzt werden, aber die Nebenprodukte waren zu teuer. Was alles erzeugt wurde ist hier exemplarisch am Jahr 1930/31 zusammengestellt PDF. Nebenbei hat man hier eine Auflistung jeder Menge krebserzeugender Substanzen. Aus dem Steinkohleteer wurden Pech (51 %), Öle (29%) uns als reine Substanzen Rohnaphtalin (10%) und Rohanthrazen (2%) gewonnen. Als Endprodukte wurden die unterschiedlichsten Schmierfette und Öle erzeugt, die u.a. an Walzwerke gingen. Dazu kamen Farbengrundstoffe, Asphalte und Imprägniermittel. Ein Stoff (Karbolineum) ist bis heute das beste Holzschutzmittel und nur im Steinkohlenteer enthalten. Damit wurden u.a. Eisenbahnschwellen behandel.


Die Anlage der frühen Tiefbauzechen erforderte sehr viel mehr Kapital als bei den Stollenbetrieben, wenn diese zum Tiefbau übergingen. Da sie fast alle nicht unter der Mergelschicht lagen genügte der Ausbau unter der Stollensohle und ggf. eine Verstärkung der Förderanlagen wie Ersetzen eines Göpels durch einen kleinen gemauerten Schachtturm.
Bei den nördlicher gelegenen Zechen musste zuerst ein Flöz nachgewiesen werden. Dazu war ein kleiner Schacht nötig, der später meistens verfüllt wurde, da die Schächte nach Erkundung der Flözlagerung selten sinnvoll in die Infrastruktur unter Tage eingebunden werden konnte. Schon bei den Schürfschächten machte die Wasserhaltung Schwierigkeiten und fast immer beim Teufen der Förderschächte. Dies band auf Jahre Kapital. Dasselbe galt für die Tagesanlagen, Anbindung an die Eisenbahn und den Bau von Wohnhäusern für die deutlich höhere Anzahl von Bergleuten für den Betrieb einer Tiefbauzeche. Ähnlich wie bei heutigen Investmentfonds wurde Kapital eingeworben. Im direkten Umfeld war dieses kaum vorhanden und man suchte Interessenten in ganz Deutschland. Bei Pluto kamen viele Gewerken aus der Region Hannover/Magdeburg. Hier scheint besonders beim Adel, seinem Umfeld und dem gehobenen Bürgertum (teils deckungsgleich mit Beamten) die Spekulationbereitschaft recht hoch gewesen zu sein. Dazu kamen die fast immer vertretenen Bankiers, Rentiers und Fabikbesitzer. Die folgende Tabelle zeigt den "Brachenmix" vom Prinz bis zum Handwerker. Insgesamt wurden 1600 Aktien ausgegeben. Der Nennwert betrug 500 Taler bzw. 1500 Mark, ein für Normalbürger sehr hoher Betrag. Um 1850 verdiente ein Weber etwas mehr als 100 Taler im Jahr und konnte kaum eine Familie ernähren (5 Personen benötigten 3 1/2 Taler pro Woche). Ein Fabrikant kam auf 20000 - 40000 Taler pro Jahr.


Gewerkenübersicht (Auswahl)

Sparte Anzahl Aktienmenge Anmerkung
Adlige 9 10 - 22 ein Prinz, ein Fürst, mehrere Freiherren, eine Stiftsdame
Militär 6 2 - 6 höhere Dienstgrade bis zum Generalmajor
Bankier 9 10 - 176  
Räte 10 4 - 70 Beamte der höheren Laufbahnen
Fabrikant/Fabrikbesitzer 9 2 -50  
Rentier 7 2 - 10 Person, die von Kapitaleinkünften leben konnte
Kaufmann 37 1 - 96 meisten bis 10 Aktien; höhere Werte für Großandel
Gutsbesitzer 5 2 - 26 Rittergutsbesitzer sind auf der Liste die Freiherren
Arzt 6 1 -5 darunter ein Tierarzt
Buchhändler 3 2 - 6  
Professor/Lehrer 5 1 -2 3/2

Hier bildet sich die damalige Einkommenstruktur gut ab. Erwartungsgemäß lagen Adel, Beamtentum, Bankiers und Kaufleute oder Fabrikanten am oberen Ende. Es finden sich auch einige ungewöhnliche Berufe (Vergolder, Königlicher Hofbüchsenmacher, Hofopernsänger, Kammerkommissar (?)). Mit kleinen Aktienmengen sind auch Handwerker (Maurermeister, Dachdecker, Seilermeister, Braumeister, Restaurateur) und Gewerbetreibende (Gastwirt, Apotheker) vertreten. Dass Handwerk verbunden mit adliger Kundschaft sprichwörtlich goldenen Boden hatte zeigt der Gewerke Georg Robby (Hofkonditor) aus Hannover. Er zeichnte zwölf Aktien und lag damit über dem Durchschnitt von elf (ohne Großaktionäre etwa sieben Aktien).
Zu den Großaktionären ab etwa 20 Aktien hier noch einige Anmerkungen: Es erstaunt nicht, dass Bankiers, Fabrikbesitzer und Kaufleute deutlich die Mehrheit haben. Der Fabrikbesitzer Ferdinand Voigtländer steht für die später sehr bekannte Marke im Fotobereich. Das Stammhaus steht noch in Braunschweig. Die wenigen Gewerken aus dem Ruhrgebiet sind die einzigen mit einem direkten Bezug zum Bergbau. Der Kommerzienrat Julius Scheidt aus Kettwig gehörte zu den bedeutendsten Textilfabrikanten im Rheinland. Er nutzte als erster eine Dampfmaschine als Antrieb seiner Maschinen. Erfahrungen damit gab es im Bergbau. Der Freiherr Ludwig Levin von Elverfeldt stammte aus einer Familie, die schon früh eine Reihe von Stollenzechen betrieb. Die Freiherren von Lilien-Opherdicke hatten uralte Rechte auf Salz. Die Siedereien verfeuerten schon sehr früh Steinkohle. Der damalige Kaufmann Friedrich Grillo wurde einer der großen Industriebarone und der Bergamtsassessor a.D. Heinrich Thies war wohl der Namenspate von Schacht 1. Die komplette Gewerkenliste steht hier bereit.


Pluto 1
Schacht Pluto 1 mit Protegohaube
Pluto 1/4
Pluto 1/4 um 1916
Pluto 1/4
Pluto 1/4 ehemalige Zufahrt
Pluto 1/4
Pluto 1/4 Restgebäude vom THW genutzt
Pluto 1/4
Pluto 1/4 Restgebäude (Sportverein)
Pluto 4
Pluto 4 Fördergerüst etwa 1978
Pluto 4
Schacht Pluto 4
Pluto 6
Schacht Pluto 6 mit Protegohaube
Pluto 6
Schacht Pluto 6 um 1930
Pluto Halde
Pluto 1/4 Halde (vor dem Wohnhaus lag Schacht 6)
Pluto 2
Pluto Schacht 2
Pluto 3
Pluto Schacht 3 mit Zechentor
Pluto 3
Pluto Schacht 3
Pluto 2/3/7
Pluto 2/3/7 um 1930
Pluto 2/3/7
Pluto Schacht 2/3/7 Restgebäude
Pluto 2/3/7
Pluto am Schacht 7 mit der Ruhranalytik (auf der Freifäche standen die Fördermaschinenhäuser)
Pluto 7
Pluto Schacht 7 etwa 1986
Pluto 7
Pluto Schacht 7, im Hintergrund die forensische Haftanstalt
Pluto 5
Pluto Schacht 5 Kleingewerbe
Pluto 5
Pluto Schacht 5 um 1930

zur Auswahl