Zeche Graf Bismarck in Gelsenkirchen-Erle

1869 - 1966


Graf Bismarck Übersicht


Die Zeche Graf Bismarck wurde nach dem preußischen Ministerpräsident und dem ersten ("eisernen") Kanzler des Deutschen Reichs benannt, zu dessen Gründung er maßgeblich beigetragen hatte. Beim Abteufen galt die Zeche als die mit dem wertvollsten Flözreichtum im Revier. Sie erreichte noch in der Ausbauphase eine Förderung von über 1 Mio. t/a. Mit ihr entwickelte sich das Dorf Erle zu einem vitalen Vorort von Buer, der bis heute eine relative Eigenständigkeit bei der Grundversorgung hat, z.B. ein Krankenhaus im Stadtteil.
Das Ende der Zeche war ein besonders düsteres Kapitel in der Stilllegungswelle der 1960er Jahre. Sie gehörte bezeichnenderweise zur Deutschen Erdöl AG (DEA). Laut den Plänen sollten nur unrentable Anlagen geschlossen werden, wozu eine Stilllegungsprämie auf Basis der letzten Fördermenge gezahlt wurde. Die erst wenige Jahre zuvor hochmodern ausgebaute Zeche war angeblich der am wenigsten profitable Bereich der Muttergellschaft. Trotz massiver Proteste der Belegschaft, Gewerkschaft, Geschäftsleuten und Kommunalpolitikern gingen ca. 6000 Arbeitsplätze verloren. Wie paradox dies war belegt die erneute Ausrichtung des Grubenfelds ab 1971 von den angrenzenden Zechen und der nachfolgende wieder aufgenommene Kohleabbau.
Die Proteste führten 1966 zur Wahlniederlage des damaligen NRW-Ministerpräsidenten Franz Meyers von der CDU. Die SPD lag zum ersten Mal vor der CDU. Als Bergleute eine Wahlkampfveranstaltung mit dem damaligen Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard zu Protesten nutzten kam es zu einem Eklat. In Anspielung auf seinen Wahlkampfslogan "Maßhalten" kamen u.a. Zwischenrufe wie "Maßhalten du dicke Sau!" oder "Vollgefresener Dicksack!". Als Reaktion antwortete Erhard. "Diese Lümmel und Uhus wären schon in den Windeln verkommen, wenn ich nicht in Deutschland gewesen wäre mit meiner Politik." und "Noch nie im Leben habe ich so viel Dummheit, Frechheit und Gemeinheit auf einen Haufen gesehen." Bundesweit kam es zu Berichten über diese Entgleisung. Letzendlich war eine Spätfolge der Sieg von Willy Brandt bei den Bundestagswahlen 1969. [Diese Proteste waren so weit mir bekannt die einzigen bei Zechenstilllegungen, die eine größere Wirkung erzielten.]
Während der Abbauphase ereigneten sich relativ wenige tötliche Unfälle. Schlagwetterexplosionen forderten 1897 vier und 1926 neun Tote. Durch Seilriss bei verbotener Seilfahrt starben 1912 vier Bergleute und 1963 bei einem Grubenbrand weitere vier.


Oberhausen 1/2
Mit dem Abteufen von Schacht 1 begann die völlige Veränderung der bis dahin fast menschenleeren Emscherniederung zu einer geschlossenen Siedlungsfläche mit Industrie, Siedlungen und als Massentransportweg dem Rhein-Herne-Kanal. Neben der Zeche enstanden die Zentralkokerei, das Kraftwerk und der Zechenhafen. Daneben entstanden Zechensiedlungen, die heute etwas abseits von Durchgangsstraßen ruhige Wohnviertel bilden. Nach der Stilllegung der Zeche blieben nur wenige Gebäude erhalten. Die Kokerei wurde noch bis 1973 betrieben und danach komplett abgeräumt, ebenso das daneben liegende Kraftwerk. Das fast 80 ha große Gelände war Jahrzehnte lange Brachfläche und wird aktuell nach einer Altlastensanierung zu einem neuen Stadtquartier Graf Bismarck entwickelt mit dem Hafen als Mittelpunkt ("Wohnen und Arbeiten am Wasser"). 2014 ist ein großer Teil der Fläche schon bebaut.
Die Waschkaue und weitere erhaltene Gebäude nutzt das Sozialwerk St. Georg, das auf dem ehemalgen Zechengelände auch ein neu gebautes Altenwohnheim betreibt. Von den beiden eingezäunten Schächten sind die Schachtdeckel der Revisionsöffnungen sichtbar und mit Infotafeln versehen.

Oberhausen 3
Das Gelände von Schacht 2/6/9 lag nur durch Kanal und Emscher getrennt nördlich von Schacht 1/4. Hier wurde nach der betrieblichen Umstellung die gesamte Förderung gehoben. Dazu war noch 1958 ein Fördergerüst ähnlich dem von Zollverein 12 über dem Schacht 9 errichtet worden und gleichzeitig die Aufbereitung modernisiert worden. Die Gesamtanlage war eine der profitabelsten im Revier und mit damals über 7000 Beschäftigten die größte in Gelsenkirchen. Es verwundert nicht, daß die Stilllegungsprämie die höchste jemals erzielte war. Heute befindet sich hier ein Gewerbegebiet. Einige Zechengebäude sind erhalten. In den Verwaltungs- und Sozialgebäuden hat das Berufsfortbildungsbildungswerk Graf Bismarck seinen Sitz, das vom DGB ursprünglich für die Qualifizierung der Bergleute eingerichtet wurde. Hier fanden zeiweilig Ratssitzungen der Stadt Gelsenkirchen während der Sanierung des Hans-Sachs-Hauses statt. In der alten Kaue befindet sich u.a. eine Moschee.
Schacht 2 mit Schachtdeckel liegt in einem Grünstreifen am Rand eines Firmenparkplatzes, die Schächte 6 und 9 sind eingezäunt und nicht zugänglich. Sie sind an den Schachtdeckeln zu erkennen. Das Gelände darum ist leer geräumt. Zwischen Schacht 6 und 9 wurde der Schacht Emschermulde 2 neu abgeteuft, der als Wetterschacht den Abbau im westlichen Grubenfeld durch die Zeche Nordstern ermöglichte. Dieser endete im Jahr 2000. Somit hätte die Zeche Graf Bismarck als Förderanlage noch über 30 Jahre lang weiter betrieben werden können. Das anfallende Grubengas wurde in einem Blockheizkraftwerk genutzt. Die Anlage stand 2014 noch, aber das Gas scheint nicht mehr so konzentriert zu sein, dass einen Nutzung wirtschaftlich ist. Eine Spedition hat auf dem Schachtgelände ihren Stellplatz für Tanklastzüge eingerichtet.
Wie bei vielen Zechen sollten auch in Erle ganze Straßenzüge der dazu gehörenden Zechensiedlungen abgerissen werden. Die Siedlung Auguststraße blieb nach Protesten der Bewohner fast komplett erhalten, die Siedlung Karlstraße nach dem Abriss neu bebaut. Auf der Trasse der Zechenbahn zum Schacht 3/5 verläuft heute ein intensiv genutzter Fuß- und Radweg.

Oberhausen 3
Auf der Fläche von Schacht 3/5 und der angrenzenden Halde entstand das Neubaugebiet "An der Gräfte" mit Bezug zum nahe gelegenen Haus Leithe, das mit Wassergräben umgeben war. Die Wohnbebauung besteht überwiegend aus Reihenhäusern mit max. vier Geschossen und wurde so gebaut, dass möglichst wenig PKW-Verkehr nötig ist. Die beiden mit Protegohauben versehenen Schächte liegen etwas versteckt in Grünstreifen. Sie sind der einzige Hinweis auf die frühere Nutzung.

Oberhausen 3
Die Schachtanlage 7/8 lag isoliert im Emscherbruch. Für die Bergleute wurde die von Wald umgebene Siedlung Eichkamp gebaut, die weiter besteht. Das Zechengelände ist teilweise unter der Zentraldeponie Emscherbruch verschwunden. Einige Gebäude werden noch vom Deponiebetrieb genutzt. Sie wird in laufenden Betrieb landschaftsgärtnerisch gestaltet und soll nach dem Auslaufen frei zugänglich werden. Die beiden Schächte liegen hart an der nördlichen Böschungskante und sind nicht frei zugänglich.

Oberhausen 3
Zentral zu den anderen Anlagen wurde der Schacht 10 als reiner Luftschacht abgeteuft. Er wurde nötig für den Umbau zu einer Zentralschachtanlage mit dem Hauptförderschacht 9. Nach der Stilllegung verfüllt wurde er ab 1972 wieder aufgewältigt und ermöglichte als Schacht Emschermulde 1 von 1974 bis 1996 der Zeche Ewald in Herten den Abbau im östlichen Grubenfeld von Graf Bismarck. Er war Bestandteil eines riesigen Wetterverbundes mit dem Feld Graf Bismarck im Zentrum und den angrenzenden Zechen. Hier befindet sich eine größere Methangasverwertung.

Übersicht Schachtdaten

Schacht Teufbeginn Inbetriebnahme Stilllegung max. Teufe (m) Kokerei
1 1869 1873 1966 1178 1914 - 1973
2 1882 1884 1966 973  
3 1893 1894 1966 855  
4 1899 1902 1966 1223  
5 1902 1904 1966 1174  
6 1909 1910 1966 1174  
7 1910 1911 1966 663  
8 1910/20 1922 1966 663  
9 1924 1926 1966 1174  
10 1951 1954 1966 972  
Emschermulde 1 1972 1974 1996 1174  
Emschermulde 2 1973 1974 2000 1186  


maximale Förderung 3.024067 t 1943

durchschnittlich 1,6 - 2,6 Mio. t/a


Nach der Stilllegung sollten wie üblich die Zechenkolonien abgerissen und durch phantasielose "moderne" Bebauung ersetzt werden. Die ältesten Häuser von 1888 an der Auguststraße waren schon teilweise leergezogen als sich massiver Wiederstand bildete. Letzlich wurden nur zwei Häuser an der Cranger Straße abgerissen und durch Seniorenwohnungen ersetzt. Damit entging die Siedlung dem Schicksal der Karlstraße von 1896, wo alle Häuser abgerissen wurden.


Graf Bismarck 1
Umzäunung Schacht 1
Graf Bismarck 1
Revisionsöffnung von Schacht 1
Graf Bismarck 4
Revisionsöffnung von Schacht 4
Graf Bismarck 4
erhaltenes Gebäude am Schacht 4
Graf Bismarck 1/4
Schachtanlage 1/4 um 1914
Graf Bismarck 1/4
ehemaliges Verwaltungsgebäude
Graf Bismarck 1/4
Waschkaue
Graf Bismarck 1/4
Seilscheibe als Denkmal
Graf Bismarck 2
Umzäunung Schacht 2
Graf Bismarck 2
Revisionsöffnung von Schacht 2
Graf Bismarck 6
Revisionsöffnung von Schacht 6
Graf Bismarck 6
Umfeld Schächte 6 und 9 (mit Protegohaube von Emschermulde 2)
Graf Bismarck 9
Schacht 9 mit Markierungsschild
Graf Bismarck 9
Schacht 9 etwa 1958 mit dem Zechenkraftwerk im Hintergrund
Graf Bismarck 2/6/9
Schachtanlage 2/6/9 vor dem Umbau
Graf Bismarck 2/6/9
Schachtanlage 2/6/9 nach dem Umbau
Graf Bismarck 2
alte Kaue am Schacht 2 2014 (Beginn Sanierung)
Graf Bismarck 2
alte Kaue am Schacht 2 (Selbsthilfewerkstatt)
Graf Bismarck 2/6/9
ehemalige Verwaltung
Graf Bismarck 2/6/9
Berufsbildungswerk
Graf Bismarck 3
Schacht 3 mit Protegohaube
Graf Bismarck 3
Schacht 3 mit Protegohaube
Graf Bismarck 5
Schacht 5 mit Protegohaube
Graf Bismarck 5
Schacht 5 mit Protegohaube
Graf Bismarck 3/5
Schachtanlage 3/5 um 1914
Graf Bismarck 7/8
Schachtanlage 7/8 1958 mit symbolträchtigem DEA-Tankwagen
Graf Bismarck 10
Schacht 10 mit der ersten Protegohaube
Emschermulde 2
Emschermulde 2 während der Methannutzungsphase
Emschermulde 2
Trafoanlagen des Blockheizkraftwerks
Graf Bismarck Hafen
Zechenhafen mit Rastplatz am Radweg Rhein-Herne-Kanal
Graf Bismarck Hafen
Stadtquartier Graf Bismarck
Graf Bismarck Hafen
Zechenhafen etwa um 1910

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