Zeche Präsident in Bochum-Hamme

1840 - 1945


Übersicht Präsident


1834 wurde unter dem Namen St. Nicolaus ein erster Schürfversuch unternommen, aber erst 1839 mit einer Bohrung abgeschlossen. 1840 wurde mit dem Teufen eines Schurfschachts begonnen. Damals war noch das "Aufdecken mit Inaugenscheinnahme" des Fundflözes vorgeschrieben (ab 1852 reichten Bohrungen). Im selben Jahr wurde die Gewerkschaft zum Betreiben der Zeche gegründet. Ihr Name geht auf den Oberpräsidenten von Westphalen Freiherr von Vincke zurück, der zu dieser Zeit im Amt war. Sie war der Auslöser zur Entwicklung des heutigen Bochumer Ortsteil Hamme. Bei der damaligen Technik gab es massive Schwierigkeiten mit den zufließenden Grubenwässern. Die Zeche war eine der ersten, die den stark wasserführenden Emschermergel durchteufte. Sie lag von 1863 bis 1865 still, nachdem sie abgesoffen war und danach in Konkurs ging. Auch zwischen 1888 und 1892 gab es immer wieder Wassereinbrüche.
Die kleinen Einzelfelder wurden 1844 konsolidiert zu Ver(einigte) Präsident. Die endgültige Größe kam 1896 durch einen Pachtvertrag mit der Gewerkschaft Rudolph zustande. Diese hatte keinen eigenen Schacht und ihre Kohlen von der Zeche Constantin der Große fördern lassen, deren Schacht 1 nur wenige Meter von der Markscheide entfernt lag. Die günstig gelegenen Flöze waren weitgehend abgebaut, der weitere Abbau durch Präsident deshalb wirtschaftlicher. 1915 wurde das Feld Rudolph ganz übernommen. Das östlich gelegene angepachtete Grubenfeld Deutsche Treue (ab 1883) war so sehr gestört, dass der Abbau hier schon 1890 aufgegeben wurde.
Als erste Zeche im Revier betrieb Präsident ab 1847 eine Kokerei mit Schaumburger Öfen, die veralterte Verfahren ablösten und einen wirtschaftlichen Betrieb ermöglichten. 1858 war Präsident mit 808 Beschäftigten und einer Förderung von 114073 t eine der größten Zechen im Revier. Später gehörte sie zu den mittelgroßen Anlagen, da das Grubenfeld nur bei optimalen Flözverhältnissen eine bessere Ausbeute erlaubt hätte. Am 29. September 1943 wurden bei einem Luftangriff die Tagesanlagen so stark zerstört, dass der Abbaubetrieb eingestellt wurde.
Es ereigneten sich in der Förderphase mehrere Schlagwetterexplosionen mit Dutzenden Todesopfern (1883 neun, 1917 24, 1936 28 Tote). Dazu kamen mehrere Grubenbrände ohne Todesopfer, Wassereinbrüche mit teilweisem Absaufen der Fördersohle und Probleme mit den Förderschächten.


Die Anlage 1/4 lag zwar direkt neben dem Bochumer Verein, gehörte aber nicht zum Konzern. Dies wird auch an der ursprünglichen Bahnanbindung deutlich, die von Nordwesten erfolgte. Der Schurfschacht hatte nur eine Breite von ca. 2 x 2,3 m um Kosten zu sparen, falls die Mutung erfolglos gewesen wäre. Er wurde 1842 auf etwa das Doppelte verbreitert, damit er als Förderschacht nutzbar wurde. Wirtschaftlich lief es nicht besonders gut, da ein Abbau unter dem Stadtgebiet von Bochum nur mit starken Auflagen zum Schutz gegen Bergschäden möglich war. Im Gegensatz zu Nachbarzechen lag die Zeche auch während der Weltwirtschaftskrise von 1931 bis 1933 still. Der Schacht 1 wurde 1940 aufgegebnen und verfüllt. Nach massiven Kriegsschäden entstand in den Ruinen ein ungeordnetes Gewerbegebiet (Schrottplätze, kleine Autowerkstätten), das erst gegen Ende des letzten Jahrhunderts grundlegend neu gestaltet wurde. Noch sind nicht alle Flächen wieder genutzt. Die beiden Schächte sind mit Revisionsöffnungen versehen und durch Infoschilder gekennzeichnet.
Schacht 4 blieb nach 1945 offen für die Wasserhaltung zum Schutz der Nachbarzechen. Der Schacht 2 kam als zweiter Ausgang dazu. Nach der Einstellung der Wasserhaltung 1966 wurden beide Schächte verfüllt. Die noch wirtschaftlich gewinnbaren Kohlen baute die Nachbarzeche Carolinenglück nach 1945 ab.

Der Schacht 2 hatte einen Malakoffturm, auf den später ein Strebengerüst gesetzt wurde. Er wurde 1967 abgerissen. Der Schacht kam nie zur vollen Nutzung, da sich die Geologie des zugehörigen Abbaufelds als sehr ungünstig erwies. 1890 fiel er ein halbes Jahr aus, nachdem der hölzerne Schachtausbau zu Bruch ging und die Förderkörbe abstürzten. Danach wurde eine Seilscheibenbühne aus Stahl auf den Turm gesetzt. Bis 1909 erhielt der Turm ein eingezogenes Strebengerüst. 1904 führte ein Grubenbrand zur Aufgabe einer Bauabteilung im ohnehin schon recht kleinen nutzbaren Teil des Grubenfelds. Daher kam es 1906 zur Einstellung der Förderung und 1909 endete der Kokereibetrieb mit späterem Abriss der nicht mehr nötigen Anlagen. Danach war Schacht 2 nur noch Wetter- und Seilfahrtschacht.
Sämtliche Gebäude wurde nach der Stilllegung abgerissen. Im Bereich der abgetragenen kleinen Halde entstanden Gewerbebetriebe, der südwestliche Teil wurde mit Wohnhäusern bebaut. Das restliche Betriebsgelände ist heute ein kleiner Park. Am Schachtstandort ist neben der Revisionsöffnung eine Gedenktafel angebracht. Eine Werkstatthalle war noch länger in Nutzung, u.a. inszenierte Peter Zadeck dort Shakespears Hamlet. Die Halle existiert nicht mehr, nachdem der dort eingelagerte Planet of Visions von der Expo 2000 durch zündelnde Kinder ein Raub der Flammen wurde.

Der Schacht 3 hatte nur einige kleine Betriebsgebäude, die heute von Gewerbetreibenden genutzt werden. Der Schachtbereich wird als Parkplatz genutzt. Das Maschinengebäude wurde 2011 umgebaut und ist als solches nicht mehr erkennbar (der Förderseildurchlass am Giebel liegt jetzt unter Putz). Von 1950 an wurde der Schacht von der Nachbarzeche Carolinenglück bis 1964 genutzt und 1968 verfüllt.

Übersicht Schachtdaten

Schacht Teufbeginn Inbetriebnahme Stilllegung max. Teufe (m) Kokerei
1 (Anton) 1840 1844 1940 514 1847 - 1930
w 1 1852 1853 1924 251  
2 (Wilhelm) 1871 1873 1967 514 1900 - 1909
3 1871 1873 1968 763  
w 2 1881 1882 1896    
4 1914 1923 1967 763  


maximale Förderung 864706 t 1929

durchschnittlich 300000 - 400000 t/a


Nördlich der Zeche Präsident hatte die Zechengesellschaft Robert ein Grubenfeld, das zu klein für eine Tiefbauanlage war. Dieses wurde im Osten an die Zeche Constantin der Große verpachtet, deren Schacht 1 direkt an der Markscheide lag. Sie baute die nahe der Oberfläche liegenden Flöze ab. Die tiefer liegenden Flöze im westlichen Feld baute Präsident ab. Diese Form der Zusammenarbeit gab es öfter. Meistens wurde ein solches Feld schnell gekauft. Hier scheinen alle Beteiligten profitiert zu haben. Der Gewinn wurde beim Vertrag mit Constantin zu 50/50 geteilt. Constantin erzielte bis zum Ende des Pachtvertrags einen Gewinn, der deutlich über 1 Mio. Reichsmark lag.


Schacht 1
Schacht 1 im Grünstreifen
Schacht 1
Revionsöffnung von Schacht 1
Schacht 2
Parkfläche am Schacht 2
Schacht 2
Revionsöffnung von Schacht 2 und Infotafel
Schacht 2
Revionsöffnung von Schacht 2
Schacht 2
Schacht 2 - Malakoffturm mit aufgesetzter Seilscheibe um 1900
Schacht 2
Schacht 2 - Malakoffturm mit eingezogenem Strebengerüst vor 1909
Schacht 3
Fördermaschinenhaus Schacht 3 vor Umbau
Schacht 3
Schacht 3, saniertes Gebäude mit Erinnerungsschild
Schacht 3
Fördermaschinenhaus Schacht 3 nach Umbau
Schacht 4
Infotafel Schacht 4
Schacht 4
Schacht 4

Schacht 4
Schacht 4 um 1930

Ichnotherium präsidentis

1924 wurde eine Strecke auf der 7. Sohle in 430 m Tiefe ausgebessert. Dabei legte man eine Tierfährte frei, die sich zeitlich gut einordnen läßt, da sie genau in einem Leithorizont (Finefrauhorizont) liegt. Verursacher war eine Uramphibie, die am Beginn der Entwicklungslinie zu den Sauriern steht. Ein solcher Fund war im nordwesteuropäischen Kohlegürtel bis dahin nicht bekannt. Da die Fährtenplatte selbst beim Nachreissen der Strecke zerstört wurde existierte nur das Negativ. Davon wurden für genauere Untersuchen Abgüsse genommen. Einer wurde in die geologische Sammlung der damaligen Oberbergschule (heute Bergbaumuseum) gebracht, ein zweiter in der Verwaltung der Zeche Präsident ausgestellt. Die Fundstelle war auch nach der Stilllegung der Zeche ein gut besuchter Ort. Durch die weiter laufende Wasserhaltung blieb er lange zugänglich. Beispielsweise wurde bei der Frühjahrstagung der Deutschen Geologischen Gesellschaft 1964 in Essen eine Grubenfahrt angeboten, die der Wasserhaltung galt. Damit verbunden war das Aufsuchen der etwa 316 Mio. Jahre alten Fährte. Bei der endgültigen Stilllegung von Präsident wurden die Teile der Fährte mit den Abdrücken aus dem Gesteinsverband herausgelöst und in das Magazin des Bergbaumuseum gebracht.

Im Jahrgang 1924 der Zeitschrift Glückauf ist der Fund beschrieben. Die folgenden Abbildungen sind daraus entnommen. Die Bezeichnung Ichnotherium bezieht sich nicht auf das verursachende Tier, sondern auf das Spurenfossil.


Fährte-1924-01     Lage der Fährte im Hangenden der Strecke
Fährte-1924-02     Fährtenplatte mit allen Abdrücken
Fährte-1924-03     Einzelabdruck


Eine kleine Sensation ereignete sich 2013 in Bochum-Stiepel am 13. Juni 2013 in gut neun km Luftlinie Entfernung. Dort entdeckte ein Schüler der "Generation Saurier" eine weitere Fährte, die vom selben Amphibium stammt. Zunächst wurde der Fund aus dem Herbst 2012 geheim gehalten und der sichtbare Teil der Spurenplatte mit Sand abgedeckt, damit mögliche Fossilienräuber keine Kenntnis davon erhielten und für eine genaue Planung der komplizierten Bergung ausreichend Zeit verfügbar war. Durch die verfrühte Information der Öffentlichkeit durch den Vater entstand ein ungewünschter Medienrummel vor Ort. Alle großen Zeitungen berichteten darüber (z.B. SZ am 13.6.2013 und am FAZ 17.6.2013). Spiegel Online titelte am 17.6. nicht ganz zutreffend: "Älteste Saurierspuren Deutschlands entdeckt". Die tonnenschwere Platte wurde mit leichten Schwierigkeiten geborgen und zur weiteren Auswertung ins Deutsche Bergbaumuseum gebracht. Die ersten Ergebnisse bestätigten die schon 1926 gemachten Rekonstruktionsversuche des Fährtenverursachers. Das damals erstellte Modell wäre heute quasi genauso entstanden. [Die Fotos der Bergung wurden mir freundlicherweise von Herrn Dr. Michael Ganzelewski, dem Fachbereichsleiter Montanhistorisches Dokumentationszentrum/Sammlungen am Bergbaumuseum Bochum zur Verfügung gestellt.]
Eine interdisziplinäre Auswertung startete noch im Jahr 2015. Biomechaniker haben mit Elefanten im Wuppertaler Zoo Versuche zur Fährtenentstehung durchgeführt. Baustatiker haben Berechnungen für das Einsinken schwerer Baukörper in lockeren Baugrund auf die Elefanten übertragen. Idealerweise soll am Ende eine Methode stehen, die bei fossilen Fährten Größe und Gewicht des verursachenden Tieres bestimmen läßt.
Der Fährtenverursacher gilt als Bindeglied zwischen Amphibien und Reptilien (damit auch als Vorläufer aller höheren Landwirbeltiere wie Saurier, aber auch der Vögel und Säugetiere). Die in Bochum-Stiepel gefundene Fährte ist die älteste in Deutschland gefundene Wirbeltierfährte. Das Tier war von der Größe etwas kleiner als ein Hausschwein. Sichtbar waren zwei etwa 20 cm große Abdrücke. Insgesamt wurden bei der späteren Präparierung neun Abdrücke freigelegt.
Zwei Funde von 1951 (General Blumenthal) und 1957 (Erin) liegen im Plaßhofsbankhorizont, der eine Mio. Jahre jünger ist. Weitere Fundorte sind das Saarland, das Zwickauer Revier und einige Stellen in Großbritannien und den USA. Spätere Entwicklungslinien sind teilweise sehr gut dokumentiert. Vertiefende Informationen liefert eine Publikation von Sebastian Voigt und Michael Ganzelewski, die aus dem ResearchGate stammt und 2010 in ACTA PALAEONTOLOGICA POLONICA veröffentlicht PDF wurde.


Fährte-01
Sichtbarer Teil der Fährte
Fährte-02
Medienrummel bei der Bergung der Platte
Fährte-03
Einsatz von Spezialisten war bei rd. 3,5 t Gewicht nötig
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Modell des Fährtenverursachers

Am 9. Juli 2016 wurde an der Fundstelle eine Infotafel der Öffentlichkeit übergeben. Der Standort ist Teil der Georoute Ruhr, ein Projekt des GeoPark Ruhrgebiet. Die Fährtenplatte befindet sich im Bergbaumuseum Bochum und wird noch längere Zeit wissenschaftlich ausgewertet.

Fährte-05
Die noch verhüllte Tafel beim Eintreffen erster Gäste
Fährte-06
Steinbruch mit dem Modell des Fährtenverursachers
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Dr. Wrede (Geopark Ruhr) gab eine kurze Info zur Fundstelle
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Der Experte Sebastian Voigt erläuterte die Bedeutung der Fährte
Fährte-09
Die neue Informationstafel


Die Lage des Fundorts zeigt die Karte. Daneben ist die Situation von 1835 dargestellt. Sie verdeutlich nebenbei, wie gering die Besiedlung im Dorf Stiepel um diese Zeit war. Oben ist noch eben das Pastorat neben der Dorfkirche angeschnitten. Etwa um diese Zeit gab es nennenswerten Kohlenabbau. Erst die Nachkriegszechen ließen ihn wieder aufleben. Der Stollen von Schiffsruder war ab 1776 in Betrieb. Bis 1835 wurde Kohle gefördert mit teils jahrzehntelangen Unterbrechungen. Die Fördermenge lag bei etwa 300 t/a. 1834 wurden 640 t erreicht. Der Absatz lief über die Ruhr. Die Kohlen wurden dazu über ein kurzes Gleis zur Niederlage am Ruhrufer gebracht. Wahrscheinlich nur kleine Mengen wurden auf dem Weg nach Norden mit Fuhrwerken oder auf Eseln abtransportiert. Der Weg wie heute zur "Alten Fähre" existierte noch nicht, da ein Altarm der Ruhr dies verhinderte.
Die Kleinzeche Schiffsruder war nur von 1951 bis 1953 in Betrieb. Es wurden zwei etwa 29 m tiefe Schächte ich Flöz Girondelle 2 abgeteuft (rd. 60 gon einfallend). Seit etwa 2010 bildete sich ein Tagesbruch am Rand des Abbaubereichs. Er ist eingezäunt. Gefördert wurden mit 18 Beschäftigten 5436 t Kohle im Jahr 1952. Bis auf den Tagesbruch gibt es keine erkennbaren Spuren.

Schiffsruder
Abbaubereich der Kleinzeche Schiffsruder
Schiffsruder
Eingezäunter Tagesbruch
Schiffsruder
Auch wenn es nicht so aussieht, ein Einbrechen ist weiter möglich
Schiffsruder
Ungefähre Lage von Schacht 2 an der Kemnader Straße

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